{"id":65,"date":"2023-05-09T22:20:21","date_gmt":"2023-05-09T20:20:21","guid":{"rendered":"https:\/\/afaeurope.noblogs.org\/?p=65"},"modified":"2023-05-10T16:59:23","modified_gmt":"2023-05-10T14:59:23","slug":"der-tag-der-ehre-2023","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/afaeurope.noblogs.org\/?p=65","title":{"rendered":"Der \u00bbTag der Ehre\u00ab 2023"},"content":{"rendered":"<p><em>English version <a href=\"https:\/\/afaeurope.noblogs.org\/en-US\/post\/2023\/05\/09\/der-tag-der-ehre-2023\"><strong>here<\/strong><\/a><\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p>Der diesj\u00e4hrige \u201eTag der Ehre\u201c in Budapest fand auch au\u00dferhalb antifaschistischer Kreise in der BRD erh\u00f6hte Aufmerksamkeit. Grund daf\u00fcr war jedoch nicht der paramilit\u00e4rische Aufmarsch europ\u00e4ischer Neonazis mit SS-Symbolen. Vielmehr sorgte ein im Netz verbreitetes Video, das zeigte, wie mehrere Personen eine Person in Tarnkleidung angriffen und zu Boden brachten, f\u00fcr Aufsehen. Nach mehreren Festnahmen in Budapest folgte eine mediale Hetzjagd, ausgel\u00f6st durch die Bild-Zeitung, die die Namen der Festgenommenen ver\u00f6ffentlichte, denen vorgeworfen wurde, an insgesamt acht Angriffen auf Teilnehmer des Tags der Ehre beteiligt gewesen zu sein. Seitdem ist viel passiert: Es gab l\u00e4nder\u00fcbergreifend mehrere Festnahmen, Identit\u00e4tsfeststellungen, \u00d6ffentlichkeitsfahndungen, Razzien in Berlin, Leipzig, Jena und zun\u00e4chst vier Personen in Untersuchungshaft, von denen zwei immer noch in Ungarn einsitzen. Dort wird die Repression von einer Hetze gegen den Antifaschismus an sich begleitet. Die gr\u00f6\u00dfte regierungsnahe Zeitung des Landes \u201cMagyar Nemzet\u201d bezeichnete Antifaschismus als Terrorismus, \u201e<em>der von extremen, lebensfeindlichen Ideologien angetrieben wird<\/em>\u201c. Und weiter hie\u00df es, es sei \u201ee<em>ine moralische Pflicht, sich dem Antifaschismus entgegenzustellen<\/em>\u201c. Diese \u00c4u\u00dferungen sind bezeichnend f\u00fcr die Medienlandschaft, die fast ausschlie\u00dflich von Orban und seinem Umfeld kontrolliert wird.<\/p>\n<p><strong>Der \u201eTag der Ehre\u201c- Ein faschistisches Vernetzungstreffen seit 1997<\/strong><\/p>\n<p>Um zu verstehen, warum der \u201eTag der Ehre\u201c ein legitimes Ziel in der Feindbestimmung aktiver Antifas ist, muss man sich mit der Geschichte dieses Nazi-Events vertraut machen. Der sogenannte \u201cTag der Ehre\u201d existiert seit 1997 und ist ein wichtiges Ereignis f\u00fcr die Neonazis von Blood &amp; Honour, Hammerskins und deren Sympathisant:innenkreis. Das Wochenende um den 11. Februar ist dem Gedenken an zwei Divisionen der Waffen-SS und einer SS-Gebirgsj\u00e4gereinheit gewidmet, die sich im Dezember 1944 in Budapest vor der anr\u00fcckenden Roten Armee verschanzten und einen kl\u00e4glich gescheiterten Ausbruchsversuch aus dem Budapester Kessel unternahmen. In der Schlacht um Budapest starben auf Seiten der Wehrmacht und ihren ungarischen Kollaborateuren \u00fcber 100.000 Soldaten. Das NS-Gedenken an den gescheiterten Ausbruch aus dem \u201cBudapester Kessel\u201d ist an diesem Wochenende nur eine Veranstaltung. Neben Rechtsrock-Konzerten steht am Wochenende ein 60 Kilometer langer Nachtmarsch auf dem Programm, der die Fluchtroute der Nazis nachzeichnet. \u00dcber 3.000 NS Nostalgiker:innen nahmen in diesem Jahr an der \u201eWanderung\u201c teil, die bei Neonazis beliebt ist, weil sie dort trotz eines offiziellen Verbots von SS-Symbolik und Hakenkreuzen ihre NS-Insignien weitgehend ungest\u00f6rt zur Schau stellen k\u00f6nnen. Der ungarische Tourismusverband \u201cHazaj\u00e1r\u00f3 Honismereti \u00e9s Turista Egylet\u201d bewirbt und unterst\u00fctzt die Wanderung \u201eKit\u00f6r\u00e8s\u201d unter dem Slogan \u201eGedenken an die heldenhaften Verteidiger unseres Landes und Europas\u201c. Dazu passend ist der nachtr\u00e4gliche Bericht \u00fcber die Wanderung illustriert mit Bildern voller NS-Symbolik u. a. von einem Kontrollpunkt mit Hakenkreuzfahne und Hitler-Portrait.<\/p>\n<p>Seit 1997 gibt es marginale Proteste gegen den Tag der Ehre von einer Handvoll engagierter Budapester Antifaschist:innen. Lokale Antifaschist:innen haben in den letzten Jahren immer wieder darauf hingewiesen, dass das westliche Narrativ, das Victor Orban als personiifiziertes Problem ausmacht, zu kurz greift und die Kritik nicht auf seine Person reduziert werden sollte. Ein lokaler Aktivist, der die Proteste in diesem Jahr mitorganisiert hat, weist darauf hin, dass die liberale Demokratie in Osteuropa an der\u201ekapitalistischen Hemisph\u00e4re\u201c nur eine \u201evor\u00fcbergehende Erscheinung\u201c sei. Die Verh\u00e4ltnisse in Ungarn sind verfestigt autorit\u00e4r. So sei es in Ungarn in den letzten 150 Jahren nur selten gelungen, die regierenden Parteien demokratisch abzul\u00f6sen.\u00a0<a href=\"https:\/\/www.jungewelt.de\/artikel\/446427.antifaschismus-faschistische-elemente-sind-teil-des-diskurses.html\">Die Orban-Regierung sei das \u201enat\u00fcrliche Kennzeichen dieses semiperipheren Kapitalismus<\/a>\u201c. Tats\u00e4chlich ist das Regime in Ungarn sehr stark vom hegemonialen kapitalistischen System gepr\u00e4gt und mit ihm verbunden. Die Regierung Orban ist bem\u00fcht, diesen Kapitalismus m\u00f6glichst ger\u00e4uschlos zu verwalten. Das f\u00fchrt auch dazu, dass soziale Bewegungen wie die LGBTIQ-Bewegung oder die kleine Antifa-Szene m\u00f6glichst klein gehalten werden sollen. Das kapitalistische System wird in Ungarn, wie auch in den meisten postsozialistischen Staaten Osteuropas nationalistisch und autorit\u00e4r gemanaged.<\/p>\n<p>Auch geschichtspolitisch t\u00e4uscht Orban die Menschen, indem er versucht, den Realsozialismus mit dem Faschismus gleichzusetzen.\u00a0 Diese Umdeutung der Geschichte ist ein Versuch, von seinem maroden System abzulenken. Durch die Verbreitung rechter Narrative ist Ungarn eine der treibenden Kr\u00e4fte des Geschichtsrevisionismus in Europa. Dies dr\u00fcckt sich in Budapest auch st\u00e4dtebaulich aus. So lie\u00df Orban in den vergangenen Jahren nationalistische Denkm\u00e4ler des Horthy-Regimes wie z.B. das Nationale M\u00e4rtyrerdenkmal originalgetreu wieder aufbauen. Es hat seinen Grund weshalb sich Neonazis in Ungarn so wohl f\u00fchlen und mit keinerlei Gegenwind rechnen m\u00fcssen. Das Motiv der Neonazi-Szene, die allj\u00e4hrlich zum Tag der Ehre pilgert, ist dem der ungarischen Regierung sehr \u00e4hnlich. Denn es geht ihnen darum, den Ausbruch aus dem Budapester Kessel als Akt der Verteidigung Europas gegen den Vormarsch der Kommunist:innen umzudeuten.<\/p>\n<p><strong>Der Tag der Ehre 2023\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>In diesem Jahr gelang es durch antifaschistische Raumnahme mit zwei Gegenkundgebungen an der Burg, das Nazi-Gedenken von Blood&amp;Honour und Legio Hungaria aus Budapest zu verbannen. Das Vorgehen der ungarischen Beh\u00f6rden steht im Kontext der erfolgreichen antifaschistischen Mobilisierung der letzten Jahre. Es ist den Nazis nicht mehr m\u00f6glich, ihr ritualisiertes Gedenken in der Budapester Innenstadt abzuhalten, so dass das offizielle Nazigedenken in einen Wald au\u00dferhalb Budapests ausweichen musste. Damit wurde zum ersten Mal ein faschistisches Gedenken in der Innenstadt verhindert, was vor Ort als sehr gro\u00dfer Erfolg gewertet wird. Dieser Erfolg war auch nur durch den unerm\u00fcdlichen Einsatz einiger lokaler Aktivist:en m\u00f6glich, denen es in den letzten Jahren gelungen ist, ein internationales Netzwerk mobiler antifaschistischer Gruppen einzubinden.<\/p>\n<p><strong>Repression<\/strong><\/p>\n<p>Sinn und Zweck staatlicher Repression ist es, organisierte antagonistische Strukturen zu kriminalisieren und letztlich zu zerschlagen. Am Beispiel des Tags der Ehre in Budapest ist es deswegen folgerichtig, dass sowohl die ungarischen Beh\u00f6rden als auch im Wege der Amtshilfe die deutsche Polizei mit gro\u00dfem Ermittlungseifer den Widerstand gegen den Tag der Ehre verfolgen und kriminalisieren. In Ungarn liegt dies daran, dass der Gegenprotest nationale Geschichtsmythen wie die Unterjochung unter \u201czwei Diktaturen\u201d in Frage stellt. Zudem liegt es in der Natur jedes Staates Organisation au\u00dferhalb des vom Staat vorgegebenen Rahmens zu verfolgen, unabh\u00e4ngig dessen, wie militant im Detail agiert wird. Vor diesem Hintergrund lehnen wir eine Einteilung in \u201egute\u201c und \u201eb\u00f6se\u201c Antifas ab. Wir solidarisieren uns mit allen, die sich gegen dieses geschichtsrevisionistische Gedenken an die Waffen-SS organisieren und aktiv werden. Die Repression darf nicht dazu f\u00fchren, dass sich weniger Menschen an den Protesten gegen den Tag der Ehre beteiligen. Vielmehr sollten wir das gestiegene Interesse nutzen, um die faschistische Gefahr aufzuzeigen, die von diesem internationalen Faschist:innentreffen ausgeht.<\/p>\n<p>Die Kampagne \u201eNS-Verherrlichung stoppen!\u201c l\u00e4sst sich von zunehmender Repression nicht einsch\u00fcchtern, denn diese ist immer eine Begleitmusik antifaschistischer Arbeit. Wir werden weiterhin die Notwendigkeit des Aufbaus internationaler antifaschistischer Netzwerke forcieren und geschlossen auftreten.<\/p>\n<p>Wir sammeln Spenden f\u00fcr von Repression Betroffene.<\/p>\n<p>Konto: Netzwerk Selbsthilfe<br \/>\nStichwort: NS Verherrlichung stoppen<br \/>\nIBAN: DE1210 0900 0040 3887 018<br \/>\nKontakt: nsverherrlichungstoppen@riseup.net<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>English version here Der diesj\u00e4hrige \u201eTag der Ehre\u201c in Budapest fand auch au\u00dferhalb antifaschistischer Kreise in der BRD erh\u00f6hte Aufmerksamkeit. Grund daf\u00fcr war jedoch nicht der paramilit\u00e4rische Aufmarsch europ\u00e4ischer Neonazis mit SS-Symbolen. 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