{"id":99,"date":"2023-05-11T15:11:11","date_gmt":"2023-05-11T13:11:11","guid":{"rendered":"https:\/\/afaeurope.noblogs.org\/?p=99"},"modified":"2023-05-12T15:18:44","modified_gmt":"2023-05-12T13:18:44","slug":"ehrenlos","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/afaeurope.noblogs.org\/?p=99","title":{"rendered":"Ehrenlos"},"content":{"rendered":"<p>21. M\u00e4rz 2023 &#8211; Erschienen in \u00bb<a class=\"header-meta__name\" href=\"https:\/\/www.akweb.de\">analyse &amp; kritik <\/a>&#8211; Zeitung f\u00fcr linke Debatte &amp; Praxis\u00ab<\/p>\n<h1>Ehrenlos<\/h1>\n<p>Nach den erfolgreichen Protesten gegen das Neonazitreffen \u00bbTag der Ehre\u00ab in Budapest sitzen noch immer Antifas aus Deutschland im ungarischen Knast.<\/p>\n<p>Die Folgen der diesj\u00e4hrigen Gegenproteste zum \u00bbTag der Ehre\u00ab in Budapest im Februar sorgten international f\u00fcr Aufruhr: mehrere Festnahmen, Identit\u00e4tskontrollen, \u00f6ffentliche Fahndungen, Razzien in Berlin, Leipzig, Jena und zun\u00e4chst vier Personen, die in Untersuchungshaft landeten. Die Repression gegen Antifaschist*innen breitete sich sogar auf die Proteste gegen den Lukov-Marsch in Sofia zwei Wochen sp\u00e4ter aus, bei denen dem VVN-Bundesvorsitzenden die Ausreise aus Deutschland verweigert wurde.<\/p>\n<p>Ausl\u00f6ser dieser Repression war ein im Internet kursierendes Video, das einen \u00dcberfall von mehreren Personen auf einen Menschen in Tarnkleidung zeigt. Dieses Video wurde zum Anlass genommen, auch die j\u00e4hrliche angemeldete Gegenkundgebung zum \u00bbTag der Ehre\u00ab in Budapest zur Zielscheibe der Repression werden zu lassen. Zum ersten Mal seit \u00fcber 25 Jahren gab es massenweise Identit\u00e4tskontrollen, der Kundgebungsort wurde weitl\u00e4ufig abgeschirmt und Menschen wurden daran gehindert an der Kundgebung teilzunehmen.<\/p>\n<p>Zwei der vier Festgenommenen befinden sich weiterhin in U-Haft, gegen die anderen ist das Verfahren noch nicht eingestellt. Vorgeworfen wird ihnen \u00bbGewalt gegen Mitglieder der Gemeinschaft\u00ab.<br \/>\nF\u00fcr so manche deutsche Medien ein gefundenes Fressen: Die Festnahme der vier Deutschen und die offenen Fahndungen nach weiteren nahmen sie zum Anlass, um \u00fcber die Gewalt \u00bbder\u00ab Antifa zu berichten. V\u00f6llig nebens\u00e4chlich bis unerw\u00e4hnt: der sogenannte \u00bbTag der Ehre\u00ab selbst.<\/p>\n<h2>Geschichtsrevisionismus<\/h2>\n<p>Am 11. Februar gedenken jedes Jahr mehrere Hundert Neonazis des gescheiterten Ausbruchversuchs der NS-Soldaten, der in der Budapester Burg 1945 seinen Anfang nahm. Die Rote Armee war im Winter 1945 so tief ins faschistische Ungarn vorgedrungen, dass sie Budapest eingekesselt hatte. Die Deutschen und ihre ungarischen Kollaborateure, die sich nicht ergeben wollten, kamen beim offensichtlich aussichtslosen Versuch am 11. Februar den Kessel zudurchbrechen, fast alle um. Dieses Ereignis wird nun geschichtsrevisionistisch gefeiert und heroisch als \u00bbTag der Ehre\u00ab bezeichnet. Seit 1997 organisiert Blood &amp; Honour Hungaria das Gedenken an die Gefallenen der Waffen-SS, der deutschen Wehrmacht und der ungarischen Pfeilkreuzler.<\/p>\n<p>Das Wochenende ist zu einem der gr\u00f6\u00dften Netzwerktreffen der europ\u00e4ischen Neonaziszene herangewachsen. Neben einer Gedenkfeier mit Reden und dem traditionellen Kerzenanz\u00fcnden in der Budapester Burg gibt es an dem ganzen Wochenende Programm unter anderem bestehend aus Rechtsrockkonzerten und einer 60 Kilometer langen Nachtwanderung, die die Ausbruchsroute der Nazis nachzeichnet.<\/p>\n<p>Dieses Programm spricht unterschiedliche Spektren der rechten Szene an: sowohl Parteimitglieder, Burschenschafter, Kampfsportler*innen als auch Rechtsrock-Musiker*innen und ihre Anh\u00e4nger*innen.<br \/>\nAls f\u00fchrende Organisationsstrukturen sind neben Blood &amp; Honour Hungaria die paramilit\u00e4rische Nazigruppe L\u00e9gi\u00f3 Hung\u00e1ria aus Ungarn vertreten, die mittlerweile Hauptorganisator*innen des Events sind. Aus Deutschland hielten \u2013 wie auch schon in den vergangenen Jahren \u2013 Kader der Neonazipartei Der III. Weg und Vertreter der Partei Die Rechte sowie der Jungen Nationalisten Reden, in denen unter anderem Adolf Hitler zitiert wurde. Au\u00dferdem waren Mitglieder verschiedener Chapter der Hammerskins anwesend sowie neonazistische Kampfsportgruppen.<\/p>\n<p>Die historische Wanderung Kit\u00f6r\u00e8s bietet einen sicheren Rahmen, f\u00fcr einige Stunden Teil einer faschistischen Erlebniswelt zu sein. Der ungarische Tourismusverband Hazaj\u00e1r\u00f3 Honismereti \u00e9s Turista Egylet bewirbt und unterst\u00fctzt die Unternehmung unter dem Slogan \u00bbGedenken an die heldenhaften Verteidiger unseres Landes und Europas\u00ab. Dazu passend ist der nachtr\u00e4gliche Bericht \u00fcber die Wanderung \u2013 illustriert mit Bildern voller NS-Symbolik, beispielsweise von einem Kontrollpunkt mit Hakenkreuzfahne und Hitler-Portr\u00e4t. Die Haltung des Tourismusverbandes ist ein Beispiel daf\u00fcr, wie gefestigt Geschichtsrevisionismus im staatlichen Diskurs ist und dass er ein verbindendes Element zum militanten Faschismus darstellt.<\/p>\n<p>Laut der Fidesz-nahen Zeitung Magyar Nemzet ist das Fazit des Wochenendes um den 11. Februar eindeutig: \u00bbDer Antifaschismus ist Terrorismus, der von extremen, lebensfeindlichen Ideologien angetrieben wird.\u00ab Der Zeitungsartikel vom 18. Februar tr\u00e4gt den Titel \u00bbLasst uns den Antifaschismus zur\u00fcckweisen!\u00ab.<\/p>\n<p>Die ungarische Regierung spricht sich immer wieder gegen antifaschistische Gruppen aus und bezeichnet diese als Gefahr f\u00fcr die nationale Sicherheit und Stabilit\u00e4t. So verk\u00fcndete die Regierung Orb\u00e1n bereits 2020: \u00bbWir werden niemals zulassen, dass eine Gruppe extremistischer Anarchisten und Kommunisten das Leben normaler B\u00fcrger und die \u00f6ffentliche Sicherheit bedroht.\u00ab Mehrfach wurde vor allem in Orb\u00e1n-nahen Medien die Erz\u00e4hlung einer mystisch agierenden Antifa als Teil einer gr\u00f6\u00dferen linksextremen Bewegung verbreitet, die die Gesellschaft destabilisieren und das politische System st\u00fcrzen wolle. Gar wird behauptet, sie w\u00fcrde mit ausl\u00e4ndischen Geheimdiensten zusammenarbeiten und terroristische Ziele verfolgen. Neonazistische Strukturen werden kaum thematisiert. Der Versuch der Orb\u00e1n-Regierung, das Narrativ von der vermeintlichen zweifachen Unterdr\u00fcckung durch den NS und den realexistierenden Sozialismus als hegemoniale Erz\u00e4hlung zu etablieren, scheint in der ungarischen Gesellschaft mehrheitsf\u00e4hig. Die Rolle der ungarischen Kollaboration w\u00e4hrend des NS wird in dieser Erz\u00e4hlung quasi aufgel\u00f6st.<\/p>\n<h2>Jagd auf Antifas<\/h2>\n<p>Wor\u00fcber ein Gro\u00dfteil der Presse im Kontext der diesj\u00e4hrigen Proteste nicht berichtete, sind die Aufrufe von Hooligans, an dem Wochenende Antifas zu jagen, dass ungarische Genoss*innen mit Klarnamen in Nazizeitungen geoutet und die Adressen linker Zentren im Zuge dessen verbreitet wurden. Bewusst unter den Tisch gefallen lassen wird der gro\u00dfe Erfolg der diesj\u00e4hrigen Gegenproteste. Und das, trotz der vielf\u00e4ltigen Versuche, diese zu verunm\u00f6glichen. Es ist das erste Jahr, in dem ein Gedenken der Nazis auf der Budapester Burg aufgrund der antifaschistischen Proteste nicht m\u00f6glich war. Doch verwunderlich ist das Schweigen eines \u00fcberwiegenden Teils der Presse dazu ganz und gar nicht: Es ist Ausdruck einer langen Tradition des Geschichtsrevisionismus in Ungarn und einer Faschisierung durch Orb\u00e1ns rechte Regierung.<\/p>\n<p>Proteste gegen Naziaufm\u00e4rsche sind nicht willkommen, vor allem nicht, wenn der Widerstand dagegen gr\u00f6\u00dfer wird.<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund ist es umso bedeutender, dass die Frage, warum Antifaschist*innen sich international vernetzen, um nach Ungarn zu fahren, inder deutschen \u00d6ffentlichkeit bewusst nicht gestellt wird, sondern das Feindbild Antifa ebenso inszeniert wird. So m\u00fcsste Deutschland doch die Faschist*innen im eigenen Land anerkennen und k\u00f6nnte sich nicht mehr mit der Aufarbeitungder NS-Zeit r\u00fchmen, laufen doch die eigenen Nazis in SS-Uniform durch Osteuropa.<\/p>\n<p>Die Relevanz, der zunehmenden NS-Verherrlichung etwas entgegenzusetzen, haben Genoss*innen in Ungarn bereits fr\u00fch erkannt. Seit Jahrzehnten organisieren sie an diesem Wochenende Gegenproteste und versuchen, \u00d6ffentlichkeit f\u00fcr das Thema zu schaffen. Teil davon war es dann auch, sich vor vier Jahren mit Antifaschist*innen in Deutschland zu vernetzen, denn vor allem Nazistrukturen aus Deutschland pflegen eine enge Verbindung zu den ungarischen faschistischen Strukturen. Seitdem ruft die Kampagne \u00bbNS-Verherrlichung stoppen!\u00ab, die bereits 2004 im Rahmen der Gegenproteste zum Rudolf-He\u00df-Marsch im bayerischen Wunsiedel gegr\u00fcndet wurde, zur Teilnahme an den Gegenprotesten auf.<\/p>\n<p>Dass im Zuge der erfolgreichen Proteste antifaschistische Strukturen mit Repressionen \u00fcberzogen werden, zeigt deutlich die politische Schlagrichtung: Proteste gegen Naziaufm\u00e4rsche sind nicht willkommen, vor allem nicht, wenn der Widerstand dagegen gr\u00f6\u00dfer wird. Auch die zuk\u00fcnftige Zusammenarbeit von Antifaschist*innen auf internationaler Ebene wird \u2013 wie an der Ausreiseuntersagung, um an den Protesten gegen den geschichtsrevisionistischen Lukov-Marsch teilzunehmen, deutlich wird \u2013 versucht zu erschweren.<br \/>\nDiese Entwicklungen zeigen einerseits die St\u00e4rke und Wirkmacht internationaler Verbindungen und andererseits die Notwendigkeit einer fortlaufenden gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit Antifaschismus auf. Das Ziel ist es weiterhin, den geschichtsrevisionistischen Aufm\u00e4rschen Einhalt zu gebieten und das auf Grundlage gesellschaftlichen und politischen Widerstands.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>21. M\u00e4rz 2023 &#8211; Erschienen in \u00bbanalyse &amp; kritik &#8211; Zeitung f\u00fcr linke Debatte &amp; Praxis\u00ab Ehrenlos Nach den erfolgreichen Protesten gegen das Neonazitreffen \u00bbTag der Ehre\u00ab in Budapest sitzen noch immer Antifas aus Deutschland im ungarischen Knast. 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